Hi Johanna,

hier stand einmal ein im Januar 2013 entstandener langer Brief. Doch wie mir aus in fast schon irritierendem Maß um Dein psychisches Gleichgewicht besorgten Kreisen zugetragen wurde, bringen Briefe – oh Schreck – lästige Dynamik in Dein Gefühlsleben und erweitern unnötigerweise Deinen Einblick in wie-das-Leben-so-spielt oder regen Dich gar an, über neue Fragen nachzudenken, wo doch jetzt schon so viele Antworten vorgeben, die richtigen zu sein. Und ja, ich gestehe errötend: mit den vielen in diesem Brief enthaltenen Fragen wollte ich nicht prüfen, ob Du die alten Antworten brav verinnerlicht hast, sondern Dich dazu anregen, selbst zu prüfen, wo es unter den alten Antworten keine zu wer-Du-wirklich-bist passenden gibt und es sich folglich lohnen könnte, nach anderen zu suchen. Nun wäre es ja fast zum Verzweifeln, Dir nur Ballast mitzuteilen zu haben – wenn da nicht ein Ausweg bliebe, für den ich mich eh längst entschieden habe. Teil dieses Briefes waren neben der (schon früher angekündigten, aber erstmal nur für Dich zugänglichen) Auflösung wer ich (namentlich) bin, auch zwei Gedichte. Das erste ist nach einer Aufführung von Romeo und Julia entstanden, und ich werde den Eindruck nicht los, da habe eine Glücksgöttin mitgemischt:

Schöne Johanna, kluge Johanna,
hast Du es kürzlich auch empfunden:
Nur ein Blickkontakt hat uns so gepackt,
dass alles andere war verschwunden!
In dem Moment war plötzlich sonnenklar:
unsre Freundschaft ist am Werden.
Scheint sie klein auch manchmal,
hat sie doch das Potential
zum größten Glück auf Erden.

Das andere Gedicht findest Du hier auf dieser Website unter Nachtgebet (doch ohne den Brief gelesen zu haben, wirst Du es vermutlich nicht in der Bedeutung verstehen, die es für mich hat). Auch den Schlussabsatz übernehme ich unverändert in der Hoffnung, dass er Dich anregt, Deinem Nachdenken über wer-Du-bist keine zu niedrige Priorität einzuräumen:

Irgendwann werden wir beide uns wiedersehen und unsere Blicke werden sich treffen – und in ihnen werden noch mehr Fragen und Antworten füreinander liegen, als es bisher schon der Fall ist. Ein Ziel dieses Briefes ist, diese Momente mit so viel Spannung wie möglich aufzuladen. (Keine Sorge, ich werde im Rahmen des mir Möglichen darauf achten, dass solche aufwühlenden Blickkontakte nicht gerade in Momenten erfolgen, in welchen Du Dich für etwas geben willst, das Deine volle Konzentration erfordert.) In Gedanken warte ich aber nicht bis irgendwann, sondern ziehe Dich – wie so oft – eng an mein Herz und schaue so tief und lange in Deine geheimnisvollen Augen mit dem hypnotisierenden Schimmer, bis unsere Seelen, Deine und meine, ineinander verschmelzen, und damit ein Stück dessen erfahren, was sie in Wahrheit sind: eins. Was für ein Glück, was für ein unbeschreibliches Glück sind schon allein solche Gedanken.

Andreas

Zurück