Februar/März 2012

auch wenn ich gerne mit Worten jongliere, will es mir nicht gelingen, zu beschreiben, was es in mir auslöste, als ich kürzlich auf youtube vorbeischaute und Deine Antwort auf mein Gedicht las. Kennst Du das Gefühl, dass einem die Freude so erfüllt und so eine Spannung erzeugt, dass man gar nicht mehr anders kann, als einen Luftsprung zu machen oder zu tanzen, also die Freude irgendwie zu "äußern"? Worte können das nur unzureichend wiedergeben. Sie können "eindrucksvoll und gut durchdacht" sein, wie Du es ausdrückst, aber um so einen Augenblick zu beschreiben, sind sie prinzipiell zu schwach. Du als Sängerin hast es da vielleicht etwas einfacher, weil Du die Power der Stimme einsetzen kannst, um den Worten Nachdruck zu verleihen. Tatsächlich fällt mir jetzt, wo ich das schreibe, eine Passage aus der Oper "La Sonnambula" ein, in welcher die körperlichen Wirkungen und auch die Unbeschreiblichkeit eines solchen Moments zum Ausdruck kommen, und zu welcher ich jetzt eine eigene Erfahrung mehr assoziieren kann:
Sovra il sen la man mi posa,
palpitar, balzar lo senti:
egli è il cor che i suoi contenti
non ha forza a sostener.
(Hören- und sehenswert gesungen und inszeniert zum Beispiel von Cecilia Bartoli und - nicht ganz so temperamentvoll, dafür aber zarter und präziser - von Mado Robin (allerdings keine besonders gute Aufnahme). Übersetzungen z. B. hier, wobei die englische dem Originaltext näher kommt als die deutsche.)
Mein Gedicht hat Dich also erreicht! Und das, obwohl ich meinen youtube-Account und damit meinen Kommentar nach diesem "SafeSurf"-Vortrag gelöscht hatte, um Dir den Link auf einem anderen Weg zukommen zu lassen, weil ich unter dem Eindruck dieses Vortrags befürchtete, dass es Dich stören könnte, wenn so ein persönliches Gedicht über einen öffentlichen Link zugänglich sei. Nun haben aber die paar Tage, in denen es verlinkt war, offenbar genügt, damit es Dich erreichte. Darüber bin ich überglücklich und auch darüber, dass es Dich zu dieser Antwort inspiriert hat.
Wenn ich an jemand schreibe und besonders wenn ich meine Gefühle und Gedanken poetisch in Worte zu fassen suche, stellt sich häufig ein intensives Gefühl von Nähe zu der betreffenden Person ein. Manchmal habe ich mich schon gefragt, was für mich wohl die stärkere Motivation zu dichten ist, dieses Gefühl von Nähe oder das dem Gegenüber etwas in der unaufdringlichen und doch eindringlichen Form eines Gedichts mitteilen können. Beides fließt beim Dichten reizvoll zusammen. Nach meinem Verständnis ist dieses Gefühl von Nähe nicht nur eine Illusion, also nicht nur etwas, das ausschließlich in mir stattfindet, sondern eine Art Resonanz mit dem Menschen, dem ich mich mitteile - trotz aller räumlichen Entfernung. Schon allein dieses Gefühl von Nähe zu Dir wäre die (ohnehin angenehme) Mühe des Dichtens wert gewesen, aber wenn Du Dich über das Gedicht freust, ist das natürlich noch ein besonderer Erfolg.
Danke für die Komplimente, sie motivieren mich zusätzlich, gelegentlich mal wieder ein Gedicht für Dich zu schreiben. Wenn man den Begriff Künstler an der Quantität festmacht, bin ich keiner. Ich brauche beim Dichten eine Zielperson, die mit mir so ungefähr auf einer Wellenlänge ist (so ist - vereinfacht gesagt - Resonanz ja auch physikalisch definiert), und solche Personen trifft man nicht zu häufig. Es gibt aber eine Charaktereigenschaft, die mich an Menschen besonders fasziniert, und das ist Freiheitsliebe. Ich verstehe Freiheitsliebe zwar als Eigenschaft der Seele und damit prinzipiell aller Menschen, aber nicht jeder kümmert sich gleichermaßen um die Belange der Seele. Ich träume zwar schon seit geraumer Zeit immer mal wieder von Dir - der erste Eintrag in meinem Traumtagebuch (oder müsste es "Traumnachtbuch" heißen?) ist vom 3. November 2008 - und diese Träume sind reich an wegweisender Symbolik (im Gegensatz zu dem wirren undeutbaren Zeug, das man manchmal träumt), aber erst das von Dir gesungene "Ich gehör nur mir" lies in mir genügend viele grüne Lampen aufleuchten, um dieses Signal an Dich weiterzugeben und Dir mitzuteilen, dass da jemand ist, der - wie soll ich das sagen? - bei dem sich Resonanz mit Dir einstellt. Zwar weiß ich nicht, nach welchen Kriterien Du Deine Lieder auswählst, also ob dabei eher musikalische Gründe oder Lehrer ausschlaggebend sind oder wie viel Einfluss Du darauf nimmst, dass Du Dich mit den Texten identifizieren kannst (darüber könntest Du mich gelegentlich mal aufklären, besonders interessiert mich das natürlich bei "Ich gehör nur mir") aber nach allem, was ich von Dir weiß, hast Du ein ausgeprägtes Freiheitsbewusstsein. Das macht Dich für mich aufregender, als Du es verstehen kannst.
Nun willst Du also wissen, "wer ich wirklich bin". Das werte ich als eine der schönst möglichen Antworten auf mein Gedicht. Mir fällt nämlich kaum eine idealere Voraussetzung für Freundschaft ein als die, dass die Beteiligten wissen wollen, wer der andere wirklich ist. Kein nur flüchtiges Kennenlernen also, kein bloßes Kratzen an der Oberfläche, kein schnelles Aufgeben, weil man über den anderen bereits das Wesentliche zu wissen glaubt, vielleicht nicht einmal Fixieren des anderen auf einen Ist-Zustand, sondern erfahren und miterleben wollen, was der andere fühlt, denkt, sagt, tut und wie er sich entwickelt. Findest Du nicht auch, dass Dir mit dieser Formulierung eine wunderschöne Definition von "Freundschaft" gelungen ist? Mit sowas, Johanna, ist mein Herz zu ... - nein, halt, ich sag's andersrum: falls Du vor mir fliehen wolltest, wäre es unklug, meine Sehnsucht nach Dir mit solchen zusätzlichen Kostproben Deiner Schönheit anzuregen.
Wie lange dauert es wohl, bis man weiß, wie ein anderer wirklich ist? Ein Jahr, ein Jahrzehnt, ein Leben? Mir wird schwindelig, wenn ich daran denke. Aber das macht nichts, ich bin dabei. Alles, was ich Dir schreibe, soll Dir zeigen, wer ich wirklich bin. Wenn es Dir ernst ist mit dem wissen-wollen-wer-ich-wirklich-bin, dann brauchst Du nur ebenfalls dabeibleiben. Lies es aus dem heraus, was ich Dir schreibe. Was ich schreibe, ist was ich bin - echter als alles, was Du vom flüchtigen Kennen über mich weißt, Mystyqus "authentisch und pur". Beim flüchtigen sich Sehen wird nur selten dieses Level von Kommunikation und Nähe erreicht - durch Blicke vielleicht manchmal für einen Moment, aber auf der verbalen Ebene eher selten. Stell Dir vor, ich hätte Dich unterwegs getroffen und dieses Gedicht vor Dir aufgesagt. Mal abgesehen, dass ich das nicht gemacht hätte, hättest Du dann wohl - ebenfalls in Gedichtform - mit dieser schönen Definition von Freundschaft geantwortet? Unsere Seelen, Deine und meine (nebenbei gesagt: auch die aller anderen) sehnen sich nach Echtem - Echtes am anderen zu sehen und echt sein zu dürfen.
Damit sind wir schon ganz nah an der Erklärung dran, warum ich gewählt habe, Dir vorerst als Mystyqus zu schreiben. Ich genieße es, dass ich dieses Gedicht für Dich machen konnte, ohne dass Du das sofort mit demjenigen in Verbindung bringst, als den Du mich kennst. Es geht dabei aber nicht nur um meinen Genuss, sondern das Gedicht wurde dadurch auch anders. So, wie es anders - viel ausdrucksschwächer - geworden wäre, wenn ich es dafür gemacht hätte, es Dir im Rahmen eines flüchtigen einander Sehens vorzutragen, so wäre es - wie auch dieser Brief hier - ganz anders geworden, wenn ich nicht erstmal vorsichtig als Mystyqus agieren würde. Wäre das nicht schade? Auch mir gefällt das Gedicht, so wie es ist - wie hätte es mir sonst gut genug für so eine wundervolle Frau wie Dich sein können?! Es ist ein Ausdruck dessen, wer ich wirklich bin - und das willst Du ja wissen.
Getarnt als "Mystyqus" bin ich nicht einmal von Deinem Urteil abhängig. Wenn ich zu der Ansicht gelangen würde, dass ich Dir besser nicht mehr über mich anvertrauen sollte, dann könnte ich es ohne ein weiteres Wort bei dem bisher Geschriebenen belassen, und Du könntest, selbst wenn Du mich anprangern wolltest, allenfalls einen unbekannten Mystyqus anprangern. Ich habe aber keinen Grund zu so einer Annahme, sondern werde mit Sehnsucht auf die Signale achten, mit denen Du zu erkennen gibst, dass ich Dir vertrauen kann und Dir alles anvertrauen kann, was Du wissen möchtest. Urteile selbst - glaubst Du, dass Du diesem Brief bei vorschneller Beantwortung Deiner Frage so, wie Du Dir das vermutlich vorgestellt hast, mehr Aufmerksamkeit zuteil werden ließest? Oder meinst Du, ich schreibe so einen langen Brief ohne die Absicht, dass Du ihn mit einer gewissen Aufmerksamkeit liest? Wenn Du mehr wissen willst, signalisiere mir, dass Du mir vertraust und ich Dir vertrauen kann. Lass Dir etwas einfallen, was dazu geeignet ist. Zum Beispiel könntest Du mir etwas darüber mitteilen, wer Du wirklich bist, das wäre eine Methode, mit der Du Vertrauenspunkte im Eiltempo schaffen kannst. Dein Gedicht war ein ermutigendes Signal. Es hängt weiterhin auch von Dir ab, wie schnell ich mich Dir gegenüber weiter öffne.
Bestimmt kennst Du das Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot", in welchem (jedenfalls in der mir bekannten DEFA-Verfilmung) der Berggeist die beiden Prinzen mit dem Fluch belegt: "Als Bär und Falke müsst ihr leben, von Mensch und Tier gemieden und gejagt. Ihr seid das eine nicht mehr und könnt das andere nie vollkommen werden, es sei denn ihr würdet in dieser Gestalt geliebt". Selbstverständlich entwickeln Schneeweißchen und Rosenrot, nachdem Bär und Falke ihnen gegen den Berggeist beigestanden sind, Liebe zu den beiden und sagen zu ihnen: "Der Berggeist hat euch in Tiere verwandelt, aber ihr fühlt noch wie Menschen. Kommt mit nach Hause, ihr sollt nun für immer bei uns bleiben. Wir werden euch nie im Stich lassen". Dass es dann nicht mehr lange bis zur prachtvollen Hochzeit dauerte, braucht wohl keine nähere Erklärung. Stell Dir vor, wir wären im Märchen (und das Leben ist mit seinen ganzen Illusionen gar nicht so weit davon entfernt), Du wärst Schneeweißchen - oder falls Du lieber Rosenrot wärst, eben Rosenrot - und ich wäre mit dem Fluch belegt: Als Mystyqus musst du dich tarnen, es sei denn du würdest als dieser geliebt. Na, wirst Du mich erlösen, Johanna?
Sicher kennst Du auch das Märchen von den Heinzelmännchen zu Köln, welche nachts die Arbeit des Zimmermanns und des Bäckers, des Küfers und des Schneiders machten, aber nur unter der Bedingung, dass sie von niemandem gesehen werden. Die Frau des Schneiders aber konnte ihre Neugier nicht bezwingen und trickste die Heinzelmännchen aus, um sie zu Gesicht zu bekommen - mit der Folge, dass sie sich bis heute nicht wieder haben blicken lassen und es mit dem schönen Leben in Köln aus und vorbei ist. Für uns fängt das schöne Leben aber gerade erst an. Mir macht die Sache jedenfalls Spaß. Meinst Du, Du kannst es noch ein bisschen aushalten, meinen Namen nicht zu kennen? Andere Freundschaften mögen anders anfangen, warum unsere nicht so?
Vielen Märchen - mir fällt da gerade noch "König Drosselbart" ein - liegt die Idee zugrunde, dass jemandes Charakter geprüft wird, indem ihm jemand unerkannt begegnet. Warum? Weil dann das Echte hervorkommt - das, wie jemand wirklich ist. Dann zeigt sich, worin jemandes Freundlichkeit begründet ist - ob sie ein Tauschgeschäft gemäß dem Motto "bist du freundlich zu mir, dann bin ich freundlich zu dir" ist, oder ob sie in personen- und gegenleistungsunabhängiger Liebe begründet ist. Es geht mir aber nicht darum, Dich zu prüfen, sondern höchstens mich selbst. Ich freue mich, zu beobachten, dass da Liebe in mir ist und wächst, obwohl Du mir noch nicht zu erkennen gegeben hast, ob Du sie erwiderst. Gerade diesen Anspruch habe ich an meine Liebe, dass sie unabhängig von äußeren Faktoren ist, einschließlich des Faktors Gegenliebe. Nicht dass ich das Ergebnis nicht schon wüsste (es ist ja auch mehr eine Frage meiner Entscheidung als etwas, auf das ich keinen Einfluss hätte), aber ich habe Dir ja bereits geschrieben, "wissen" heißt nicht "erfahren". Das hier ist ein gutes Beispiel dafür.
Eine Möglichkeit wäre, dass ich Dir den Namen, unter dem Du mich kennst, nenne, jetzt sofort. Die andere Möglichkeit ist, dass ich das jetzt noch nicht tue - und diese Möglichkeit hat ihren besonderen Reiz. Wie oft hast Du darüber nachgedacht, wer wohl dieser Mystyqus ist? Und welche Gefühle haben sich dabei eingestellt? Überlege, ob Du Dich nicht auf das Abenteuer einlassen willst, diesen Namen noch nicht gleich zu wissen. Es wird Dir noch genug Zeit bleiben, um mit diesem Wissen zu leben. Du magst doch Abenteuer, oder etwa nicht? Selbstverständlich ist nicht jedes Abenteuer gut genug für uns. Das Kriterium - oder jedenfalls mein Kriterium - für gute Abenteuer ist überraschend einfach in Worte fassbar: ein gutes Abenteuer endet nie. Abenteuer, die irgendwann enden, verdienen diese Bezeichnung nicht - sie sind Zeitvertreib, und um vertrieben zu werden ist unsere Zeit zu schade. Keinesfalls wäre mir ein solcher Zeitvertreib gut genug für Dich - und auch nicht für mich. Es gefällt mir übrigens sehr an Dir, dass Du ein Empfinden für die Kostbarkeit der Zeit hast (auch wenn - vom höchsten Standpunkt, dem des ewigen Lebens, aus betrachtet - Zeit keine begrenzte Ressource ist). Du kannst Dich also darauf einstellen, dass dieses Abenteuer für immer angelegt ist. Ich will damit nicht sagen, dass ich es bin, der es angelegt hat, mir kommt eher die Rolle des Genießers zu. Zwar habe ich diese Zeilen getippt, aber manchmal (wenn ich die Sache von einem hohen Standpunkt aus betrachte) weiß ich, dass unser Abenteuer mit all seinen Optionen, Chancen und Möglichkeiten schon ist. Wir "machen" es nicht, sondern wir wählen "nur", welche Variante davon wir unsere Erfahrung werden lassen. Ich finde das beruhigend. Selbst die Worte und Ideen (und da ich einer Sängerin schreibe: natürlich auch die Töne und Melodien) sind schon da (und harmonieren oft sogar schon passend, z. B. indem sich die Worte reimen), so dass wir sie nur zu er-innern und zu äußern brauchen. Wenn ich in Bezug auf "unser" Abenteuer schreibe "für immer", meine ich das umfassender, als die meisten Leute, deren Meinung ich dazu bisher gehört habe - wesentlich umfassender. Das liegt daran, dass ich das, was die Leute "Tod" nennen, als Illusion verstehe. Die Illusion entsteht durch die Identifikation der Seele mit einem materiellen und vergänglichen Körper. Obwohl dieser Körper in Deinem Fall ein prickelnverursachend hübsches Exemplar ist, würde mir das Prickeln doch schnell vergehen, wenn ich davon ausgehen müsste, dass mein "für immer" bestenfalls bedeutet "bis dass der Tod uns scheidet". Ich sehe es anders herum: Selbst falls es uns in diesem Erdenleben nicht gelingen sollte, die Illusion der Getrenntheit als Illusion zu erkennen, oder falls wir uns gar zerstreiten und bewusst trennen sollten, wäre dieser Getrenntheit durch die Sterblichkeit des Körpers glücklicherweise eine zeitliche Schranke gesetzt. Wann immer ich über das, was "Tod" genannt und oft beweint wird, nachdenke, sehe ich darin nur Genialität (doch glaub mir, es ist nicht so, dass ich den Schmerz nicht kenne, der entsteht, wenn man die Illusion als Realität betrachtet) - und dahinter ein Genie, den, der das Abenteuer des Lebens und - darin enthalten - das Abenteuer unserer Begegnung erschaffen hat. Dass er mich dieses Abenteuer des Lebens nicht ohne Dich erleben lässt, erfüllt mich mit Dankbarkeit (und in unseren Unterhaltungen kommen wir immer mal wieder auf eine gewisse Johanna zu sprechen). Ohne Dich wüsste ich zwar vermutlich nicht, was mir fehlt, aber da ich Dich jetzt (zumindest ansatzweise) kenne, weiß ich, was ohne Dich nicht wäre. Doch nochmal kurz zurück zu meinem Namen. Nimm es nicht zu schwer, wenn ich ihn Dir jetzt noch nicht sage. Namen sind nur Hilfskonstruktionen, Laut- oder Symbolkombinationen, die für etwas stehen, was sich damit gar nicht umfassend ausdrücken lässt, "Schall und Rauch". Gut, dass Du nach dem Umfassenden gefragt hast, nach dem, wer ich wirklich bin. Lass das Geheimnisvolle noch ein bisschen Geheimnis bleiben. Sieh es als Spiel, als Rätsel, als Detektivgeschichte - oder einfach als die Art und Weise, wie eben unsere junge Freundschaft derzeit ist. (Auf der Seelenebene - also beim Blick über dieses Erdenleben hinaus - bin ich mir aber nicht so sicher, ob unsere Freundschaft wirklich "jung" ist.) Ich werde Dir ab und zu schon Hinweise geben (wie zum Beispiel den Hinweis auf den "SafeSurf"-Vortrag), so dass das Puzzle für Dich mehr und mehr ein Bild ergibt und sich das Rätsel für Dich entwirrt. Ich hoffe, dass Du damit nicht unglücklich bist, das wäre jedenfalls das Gegenteil, von dem, was ich beabsichtige. Meine Absicht ist nicht, mich für immer vor Dir zu verbergen, und mein Motto "Was würde Liebe jetzt tun?" würde mir voraussichtlich auch gar nicht erlauben, Dir meinen Namen weiter zu verheimlichen, wenn ich wüsste, dass Du deshalb bekümmert bist. Einen potentiellen Verdacht will ich bei dieser Gelegenheit aber explizit ausräumen: Ich bin nur selten im KvFG und werde auch nicht von der "öffentlichen Hand" bezahlt (sondern bezahle die öffentliche Hand).
Was hältst Du von dem Vorschlag, dass Du vorläufig einfach jeder Person, mit der Du zu tun hast, so begegnest, als könne sie dieser Mystyqus sein, der Dir diesen Brief geschrieben hat? Wie würde sich das auf diese Begegnungen auswirken? Oder sieh es so, dass ihn Dir einfach das Leben geschrieben hat - Du hast Dich entschieden, dieser Erde einen Besuch abzustatten um etwas davon zu zeigen, wer Du wirklich bist, und erlebst nun, dass das Leben, Deine Umwelt, unter anderem mit diesem Brief darauf reagiert. Offenbar gehört das zum Spektrum der Erfahrungen, die man bei so einem Besuch machen kann.
Lass mich bzw. uns noch ein bisschen am Fundament unserer Freundschaft arbeiten, damit es stabil und tragfähig wird. Du wirst eines Tages verstehen, warum mir das so wichtig ist. (Schau Dir an, wie viele "Abenteuer" zu Zeitvertreiben degradieren.) Auch bin ich ja noch keineswegs sicher, ob Du die Freundschaft mit mir überhaupt willst, festgelegt hast Du Dich diesbezüglich ja noch nicht. Erlaube mir daher, Dein Johanna-Herzchen noch etwas zu betören, damit es es Dir nicht allzu leicht macht, mein Angebot auszuschlagen. "Betören" könntest Du verstehen im Sinne von manipulieren oder Dir etwas vorgaukeln, aber so meine ich es nicht, sondern im Sinne von "Dir mehr davon zeigen, wer ich wirklich bin". Das muss genügen. Wenn das nicht genügte, ständen die Chancen schlecht für eine berauschend schöne Freundschaft zwischen uns beiden. Verstellen will ich mich nicht für Dich und ich freue mich - wie im Gedicht schon gesagt - wenn Du es auch nicht tust.
Mir ist durchaus bewusst, dass ein Brief wie dieser in der Seele einer feinfühlenden, romantischen Frau - und als solche schätze ich Dich ein - Spuren hinterlässt. Einen Brief lesen bedeutet, sich - zumindest kurzzeitig - einlassen auf die Gedanken des anderen. Du wirst sehen, dass Du nach dem Lesen neue Gefühle fühlen und neue Gedanken denken wirst und so gesehen nicht mehr - zumindest nicht exakt - die bist, die Du davor warst. Mir ist die Verantwortung bewusst, die sich daraus ergibt. Nicht dass ich Dich als Mimose einschätze - als Prinzessin ja, aber nicht als Mimose - aber es erscheint mir zumindest unmöglich, Freiheit und Liebe zu schmecken und danach wieder mit weniger zufrieden zu sein. Denk also gut darüber nach, auf was Du Dich hier einlässt. Ich kann keine Verantwortung dafür übernehmen, dass andere Menschen Dir mit einem ähnlichen Verständnis von Freiheit und Liebe entgegenkommen werden. "They'll hurt you and desert you" singst Du in dem Lied für Deine Freundin Maya (Ja, ich habe es angehört, denn auch ich will wissen, wer Du wirklich bist, und bin mir beim Anhören noch sicherer geworden, dass Du eine echte Prinzessin bist). Aber ich werde deshalb mein Verständnis von Liebe und Freiheit nicht reduzieren. Ich weiß ja auch, dass Du von Menschen umgeben bist, die Dich haben erfahren lassen, wie sich echte Liebe anfühlt, so dass das nichts wirklich Neues für Dich ist, und mir "nur" das Glück zukommt, Dir ebenfalls diese Erfahrung zuteil werden lassen zu dürfen. Lass mich aber noch kurz etwas zu diesem "and desert you" sagen. Wie gesagt, mag ich (fälschlicherweise so genannte) Abenteuer nicht, wenn diese irgendwann enden. Ich kann aber nur für meinen Teil die Verantwortung dafür übernehmen, dass unsere Freundschaft kein solches endendes "Abenteuer" wird, denn das hängt nicht an mir allein, sondern - na ja, an wem wohl? - auch an Dir. Wofür ich Verantwortung übernehme, ist, dass ich unsere Freundschaft niemals von mir aus beenden werde und das ist meine Antwort auf die oben erwähnte Ver"antwort"ung.
Wenn man sich in der Welt umschaut, kann man beobachten, dass solche Versprechen zwar öfters gegeben werden, aber man sieht auch, dass leichtgewichtige Versprechen darunter sind, geknüpft an allerlei Bedingungen oder Erwartungen. Solche Bedingungen oder Erwartungen können Beziehungen zerstören, denn sie sind das Gegenteil dieser Definition von Freundschaft, das Gegenteil von wissen-wollen-wer-der-andere-wirklich-ist. Wer Bedingungen oder Erwartungen hat, der bringt zum Ausdruck "Ich will dich nicht als den erfahren, der du aus freier Wahl heraus zu sein wählst, sondern als den, der meinen Bedingungen und Erwartungen entspricht". Ich will dem angedeuteten Gedicht darüber, was mir Deine Freiheit bedeutet, nicht zu sehr vorgreifen (und habe auch erst ein grobes Konzept davon im Kopf und bin gespannt, welche Worte sich finden werden, um das gut rüberzubringen. Außerdem habe ich noch was anderes in der Pipeline, zu dem mich Dein "ich möcht wissen, wer der Fremde ist" inspiriert hat und das ich erst fertig machen will. Demnächst auf dieser Website ...), aber ich finde, Freiheit hat viel mit Bedingungslosigkeit zu tun.
Damit kommen wir zu dem vielleicht schwierigsten Punkt dieses Briefes. Ich selbst empfinde ihn als so selbstverständliche Komponente der Freiheit, dass ich kaum wage, es anzusprechen, aber für viele ist es angeblich ein unerträglich schwerer Brocken. Deshalb interessiert es mich, wie Du als freiheitsliebende Frau mit ihm umgehst. Also atme tief durch, Johanna, und entspann Dich. Bist Du bereit? Ok, hier ist der "schwere Brocken": Meine Freundschaft und ihre Grundlage, meine Liebe, sind nicht exklusiv zu haben. Hallo, lebst Du noch? Oh, Du liest sogar noch, das lässt mich hoffen. Ich will, dass Du meine diesbezügliche Einstellung kennst und die Möglichkeit hast, Dich, falls Du hierin völlig gegenteiliger Meinung bist, zurückzuziehen, bevor es uns weh tut. Du sprichst mir aus dem Herzen, wenn Du in "Ich gehör nur mir" singst "Ich geb meine Freiheit nicht her". Für mich schließt Freiheit auch die Freiheit jedes Menschen ein, selbst zu entscheiden, wem und wie er seine Liebe anderen zukommen lässt. Ich freue mich, wenn sich jemand in meiner Nähe gut fühlt, und das trägt wiederum dazu bei, dass ich mich gut fühle. Wenn aber jemand versucht, sich dieses Sich-gut-fühlen exklusiv für sich zu sichern, indem er mir mit Abbruch der Beziehung droht, falls ich es mit anderen erfahre, dann sollte derjenige sich sein Opfer besser unter seinesgleichen suchen, ich will diese Rolle nicht spielen. Es gibt viele, die nur exklusive Liebe als wahre Liebe anerkennen und viele, die sich, wenn das moralisch genug rübergebracht wird, davon beeindrucken und sich ihre Freiheit abnehmen lassen. Mal abgesehen davon, dass ich es gar nicht mag, wenn Menschen so beleidigt sind, dass sie einen Anderen gar nicht mehr an sich ran lassen und ihm damit die Chance nehmen, zu zeigen, inwiefern eine Sache auf dem Boden der Liebe gewachsen ist, ist mir meine Freiheit zu wertvoll, als dass ich auch nur teilweise auf sie verzichten wollte. Wenn die Liebe mir nahelegt, etwas nicht zu tun, dann heißt das nicht, dass ich die Freiheit aufgebe, das zu tun, sondern dass ich mich aus meiner Freiheit heraus dafür entscheide, es nicht zu tun. Kannst Du diesen Unterschied nachvollziehen, Johanna? Treue im Sinne von "eine Beziehung nicht aufgeben" finde ich sehr wichtig und mag keine Abenteuer, die irgendwann enden. Jede aufgegebene Beziehung ist eine psychische Belastung und ein Sich-widersetzen und Ankämpfen gegen die Seele (denn die Seele strebt nach Einheit). Aber ich habe eine starke Abneigung dagegen, den Begriff "Treue" über das Erfüllen von Bedingungen, Erwartungen oder Forderungen zu definieren. Wer das tut, versucht, die schöne Idee der Treue zu missbrauchen, um die Freiheit einzuschränken: "Wenn du treu sein willst, darfst du nicht mehr der sein, der du aus deiner freien Wahl heraus wärst, sondern dann musst du der sein, der meine Erwartungen erfüllt". Das kann nicht der Sinn von Liebe sein. Ich verstehe, dass Eifersucht und ähnliche auf Zerstörung ausgerichtete Energien Formen von Angst sind, und werde auch meine Liebe zu jemandem nicht aufgeben, nur weil der- oder diejenige diese Liebe exklusiv für sich fordert - denn Liebe aufgeben hieße ein Stück von mir selbst aufgeben - aber lieben bedeutet für mich nicht, die aus solchen Energien hervorkommenden Forderungen dauerhaft zu akzeptieren. "Ich geb meine Freiheit nicht her" heißt für mich, dass ich mich von niemand davon abbringen lasse, so zu leben, wie ich es in Abstimmung mit meinem Gewissen für richtig halte, und statt dessen so zu leben, wie derjenige es für mich für richtig hält oder wie es mit seinem Gewissen vereinbar ist. Wenn jemand für sich selbst Treue so definiert, dass er seine Freiheit um eines anderen willen aufgibt, ist das ok, aber anderen so etwas aufzuerlegen halte ich für unmoralisch, selbst wenn es - was oft geschieht - als Moral ausgegeben wird. Eine meiner persönlichen Lebensregeln besagt: Moral wird unmoralisch, wenn man sie für andere macht.
In gewissem Sinne ist Liebe etwas Unspezifisches, etwas, das man entweder Allem-was-ist gegenüber aufbringt oder eben nicht aufbringt, mehr eine generelle Lebenseinstellung als etwas, das mal über einem kommt und mal nicht. "Alles-was-ist" ist für mich übrigens einer der anschaulichsten Namen Gottes, obwohl Gott durchaus auch persönlich ist, so dass wir mit ihm kommunizieren können. Was meinst Du, kluge Johanna, könnte es sein, dass Alles-was-ist (also Gott) Teile von Allem-was-ist nicht liebt? Ich bin neugierig auf Deine Meinung dazu (und werde gelegentlich eine Möglichkeit einrichten, mit der auch Du Dich mir mitteilen kannst. Momentan will ich Dich nicht zu sehr ablenken. Das ließe sich zwar vermutlich nur völlig vermeiden, wenn ich diesen Brief erst nach Deinem Abi hier eingestellt hätte, aber Du bestimmst, was er bedeutet, und was spricht dagegen, ihn als zusätzliche Motivation zu nehmen?!)
Obwohl ich allgemein die Menschen und das Leben liebe, nimmst Du in meinem Fühlen und Denken einen besonderen Raum ein. Das meinte ich unter anderem, als ich im ersten Gedicht geschrieben habe "mich an Dich gebunden". Auch ich lasse mich hier auf etwas ein, von dem ich weiß, dass es in gewissem Sinne kein Zurück gibt, jedenfalls kein "inneres" und vollständiges Zurück. Ein äußerliches Zurück im Sinne von nicht mehr an Dich schreiben wäre selbstverständlich möglich, falls Du das wünschtest, ich will ja nicht aufdringlich sein. Aber ein inneres Zurück im Sinne von "meine Erinnerungen, meine Gefühle, mich, in den Zustand zurück zu versetzen, als hätte ich Dich nie kennengelernt und auch die innere Kommunikation (dieses Dir im Herzen nahe sein) einzustellen" kann es nicht geben. Zum Beispiel könnte ich niemals ein Gedicht, das ich für Dich geschrieben habe, auch nur auszugsweise oder abgewandelt für eine andere Person "recyceln", selbst wenn ich Grund zu der Annahme hätte, dass auch diese Person sich sehr darüber freuen würde. Ich hätte das Gefühl, es würde dadurch "entweiht" werden, es würde die Resonanz verlieren oder zumindest beeinträchtigen, die sich ansonsten meist wieder hervorrufen lässt, wenn ich selbst das Gedicht lese. Ich habe etwas hineingelegt, das ich nur ein einziges Mal verschenken kann und das so nur auf Dich passt (und damit meine ich nicht nur die Zeile mit dem "tout pour toi" T-Shirt). Das heißt nicht, dass ich Resonanz mit anderen Menschen als Dir prinzipiell nicht hervorrufen könnte, nur genieße ich es besonders (und es macht es auch viel einfacher), wenn ich mich dafür nicht verstellen muss. "Freiheit lieben" heißt akzeptieren, dass der Andere der ist, der er wirklich ist. Es tut so gut, mit freiheitsliebenden Menschen zusammen oder verbunden zu sein. Auch voneinander Träumen ist ein Phänomen, das ich mit Resonanz in Verbindung bringe. Im Traum nimmt die Seele Urlaub davon, sich verstellen zu müssen. Dass dann Du mir manchmal begegnest, obwohl wir uns (physisch) eher selten sehen, werte ich als sehr gutes Zeichen und ohne dieses Zeichen hätte ich diesen Brief nicht geschrieben.
Falls Dir diese offene Kommunikation über eine Website zu "un-heimlich" ist, kannst Du es mir mitteilen. Ich selbst hätte kein Problem damit, wenn jemand mitbekommt, was ich Dir schreibe, denn ich versuche, nach dem Prinzip größtmöglicher Transparenz und Offenheit zu leben und fühle mich nur begrenzt den Vorstellungen anderer verpflichtet. (Das ist wie gesagt ein Versuch oder ein Ideal; zumindest dort, wo es nicht zurückgewiesen wird, wo sozusagen eine Offenheit für die Offenheit da ist, genieße ich es, offen zu sein.) Mir gefällt das in Lukas 12 überlieferte Jesus-Wort: "Es kommt die Zeit, da wird alles offenbar werden. Alles, was jetzt noch geheim ist, wird öffentlich bekannt gemacht werden. Deshalb lasst euch warnen: Alles, was ihr im Dunkeln sagt, wird am hellen Tag zu hören sein; und was ihr hinter verschlossenen Türen flüstert, wird man von den Dachterassen rufen". Leider kommen manche Bibelworte mit einem drohenden Unterton rüber (die Pharisäer, an welche dieses Wort gerichtet ist, haben das ja vielleicht gebraucht), aber ich nehme dieses Wort nicht als Warnung vor einem Urteil Gottes (denn ich kenne Gott als vollkommenste Verwirklichung meiner höchsten Ideale von Freiheit und einem verurteilenden Wesen würde ich das gewiss nicht attestieren), sondern mehr als Erklärung dafür, dass Scheinheiligkeit auf Dauer nicht funktioniert und als Motivation, zu lassen, wozu man - wenn es offen bekannt wäre - nicht stehen könnte, und nicht zu lassen, wozu man steht - mit anderen Worten: das Prinzip größtmöglicher Transparenz und Offenheit zu leben. Mir ist durchaus bewusst, dass dieses Prinzip dadurch, dass ich Dir meinen Namen jetzt nicht sage, noch nicht vollkommen umgesetzt ist, aber ich halte es so vorübergehend für einfacher, Dir mehr davon zu zeigen, wer ich wirklich bin.
Ich will nicht, dass Du diesen Brief als vereinnahmend empfindest. Bestimmt gibt es Leute, die Dich mehr brauchen als ich; die Deine Liebe oder Zuwendung oder Energie mehr brauchen oder es mehr brauchen, dass Du in ihr Leben trittst und ihnen - vielleicht auch "vom Drahtseil herab" - vorlebst, welches Potential im Leben steckt. Ich wollte niemand diese Erfahrung vorenthalten oder wegnehmen. Dass ich Dich nicht brauche, heißt nicht, dass ich Dich nicht schätze - im Gegenteil: dass ich Dich nicht brauche, macht mich frei, Dir Freiheit zu gewähren, wie sie meinen hohen Vorstellungen von Freiheit entspricht - und die ich Dir gewähren will, weil ich Dich so sehr schätze. L'amour est l'enfant de la liberté und "brauchen" ist eine ungünstige Voraussetzung, um wirkliche Freiheit zu gewähren. Zeig also der Welt, wer Du bist, gib, wo gebraucht wird, was Du geben kannst, gib Dich ganz, und wenn Gedanken an mich ablenken vom Dich-geben, dann vergiss mich. Doch wenn Du alles gegeben hast und eine Pause brauchst vom Geben, wenn Du tanken musst, bevor Du Dich weiter geben kannst, wenn Du Geborgenheit suchst und Liebe schmecken willst, ohne dafür Freiheit zu bezahlen, erinnere Dich an mich. Ich freue mich auf Dich (und mache jetzt mal eine Anleihe bei orientalischen Märchen, indem ich hinzufüge) "bis an die Grenzen der Freude".
Ich rede hier von Liebe, als ob wir schon jahrelang befreundet wären, und auf einem Level, das vielleicht manche Paare niemals erreichen. Deshalb nehme ich jetzt mal wieder etwas Gewicht raus und sage: So könnte meine Liebe sein, wenn Du sie zulässt. (Falls nicht, wird das nichts an meiner Liebe ändern, aber an dem Maß, in welchem ich sie Dir gegenüber äußere.) Die Gefühle und Gedanken und Entscheidungen, die ich Dir hier offenlege, sind meine und sie sind für Dich in keiner Weise verpflichtend. Das ist ja das Schöne an diesen Stadium unserer Beziehung, dass ich Dir mit einer Offenheit schreiben kann, die mir manchmal selbst fast unheimlich vorkommt - und wir trotzdem beide die Angelegenheit, wenn sie dem Rahmen der Liebe entgleitet oder auch aus jedem anderen Grund, sofort herunterfahren können. Wir brauchen einander nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir ohne einander nicht leben könnten, und ich kann auch gar nicht nachvollziehen, warum es manche als Liebesbezeugung oder eine Auswirkung von Liebe betrachten, wenn sie ohne den anderen nicht mehr leben können. Eine Antwort, wie die des Franz Joseph im Finale von "Elisabeth" ("Ich kann nicht ertragen ... Ich werde mir untreu für dich") wirst Du von mir nicht bekommen - sie zeigt auch, dass er Elisabeths Anliegen überhaupt nicht verstanden hat, sondern ihr Verlangen nach Freiheit gedeutet hat, als verlange sie seine Selbstaufgabe. Für ihn mit seinem kaiserlich-militärisch-autoritär kleingehaltenen Denken konnten Freiheit und Entscheidungsbefugnis nicht gleichermaßen bei mehr als einer Person liegen. Na ja, Franz Joseph durfte sein Leben so gestalten, wie er es für richtig hielt, und wir dürfen das für uns. Klar, auf der emotionalen Ebene bindet man sich an den anderen - auch ich mich an Dich - und gegen diese Art von Bindung, die auf Anziehungskraft beruht, ist - auch aus der vollkommensten Liebe heraus - nichts einzuwenden, aber ich glaube, die beste Voraussetzung für wirkliche Liebe ist Freiheit. Deshalb "lass uns, Johanna, der Welt demonstrieren, dass sich Liebe und Freiheit nicht stören, sondern zusammen gehören".
Du weißt jetzt manches, was hinsichtlich einer Freundschaft mit mir gut zu wissen sein könnte, und ich freue mich über die Gelegenheit, Dir ein paar Entscheidungskriterien dafür zu liefern. Nur wenn wir einander so nehmen können, wie wir beide wirklich sind, kann dieses Abenteuer so richtig beglückend werden. Manches Angesprochene ist aber nicht nur speziell auf uns anwendbar, sondern ich halte es zum Beispiel ganz allgemein für einen guten Rat, Beziehungen nicht mit Bedingungen, Erwartungen, Forderungen und Freiheitseinschränkungen zu belasten. Auch den "schweren Brocken" habe ich Dir nicht geschrieben, weil ich denke, dass Du Freiheit anders verstehst und ich hier erst ein gemeinsames Verständnis herbeiführen müsste, sondern ganz im Gegenteil, ich schreibe es Dir, weil ich denke, dass mich kaum jemand so gut versteht, wie Du. Falls ich mich da täuschen sollte, kannst Du es mir ja ebenfalls frühzeitig mitteilen. Wenn aber selbst der "schwere Brocken" Dein Interesse an einer Freundschaft mit mir nicht stören konnte, dann sehe ich den Himmel voller Rosen (oder Geigen, falls Dir das lieber ist).
Neben dem, dass Du mich über das kennenlernst, was ich Dir schreibe, gibt es einen weiteren Weg für Dich, herauszufinden, wer ich bin. Der Weg, den ich meine, führt nach innen. Gehe in Dich und schau Dich dort um. Achte auf Deine inneren Bilder und auf Deine Träume. Vermutlich bin ich nicht der einzige, der so viel an Dich denkt, dass die Bilder in Dir intensiv genug werden, damit sie Deine Wahrnehmungsschwelle überschreiten und Dir bewusst werden, aber ich werde da sein. "All you got to do is call and I'll be there" - wo hab ich denn das schon mal gehört? Ich werde dazu nichts Besonderes tun, außer Dir in meinem Herzen nahe zu sein - und das ist natürlich etwas Besonderes, auch für mich. Lausche in Dich hinein, spüre den Ahnungen nach, vertrau Deiner Intuition, tu was Du kannst, um die Wahrnehmungsschwelle zu senken, weise den sich ständig in den Vordergrund drängenden Verstand hin und wieder mal in seine Schranken und schau, was dann übrig bleibt oder gar erst zum Vorschein kommt. Habe ich Dir nicht schon geschrieben, dass wir eins sind? Wie sollte ich mich vor jemand verbergen können (oder wollen), der eins mit mir ist?
Ich gebe Dir aber noch eine Möglichkeit an die Hand, mit der Du in Zweifelsfällen feststellen kannst, ob jemand "Mystyqus" ist, und die Dir vielleicht weniger mysteriös vorkommt: ein Passwort. Wenn Du einen Verdacht hast oder sich Dir jemand als "Mystyqus" outet, dann kannst Du ihn fragen, wie das Passwort denn lautet. Es lautet ... - nein, das verrate ich selbstverständlich nicht hier, sondern lasse es Dir auf einem anderen Weg zukommen. (Das Passwort erhältst Du, wenn Du auf dem Blatt von der Zeile mit der URL aus vier Zeilen nach unten gehst und beginnend mit dem P bis zum Ende der Zeile(!) jeden zweiten Buchstaben notierst. Bewahre das Blatt auf, Du könntest es noch brauchen.) Wenn Du das Passwort geheim hältst, werden nur Du und ich es kennen. Wenn jemand vorgibt, das Passwort zu kennen, Dir aber nicht das richtige Passwort nennt, lasse ihn nicht merken, dass es nicht das richtige Passwort war, sondern ziehe nur Deine Schlüsse daraus. Wer das Passwort nicht weiß, mag Dich zwar auch lieben, doch hat er nicht diese Zeilen geschrieben. Ich verspreche Dir, dass wenn Du mich irgendwann persönlich nach dem Passwort fragen wirst, ich es Dir sagen werde. Mein Herz klopft jetzt schon heftig beim Gedanken an diesen Augenblick.
So, bevor dieser Prosatext jetzt in ein Gedicht übergeht, will ich doch mal schnell sehen, ob sich nicht ein paar Verse finden, um etwas von der Stimmung, in die mich diese Schreiberei bringt, wiederzugeben. Was gibt es denn da Schönes bei Youtube? Hm, ein "Schwipslied", daraus könnte sich was machen lassen (zumal Bruchstücke dazu schon auf meiner Festplatte rumliegen, seit ich vor gut einem Jahr in einem Münchener Hotel etwas Muse hatte, mich der Stimmung hinzugeben, die aufkommt, wenn ich an eine gewisse Johanna denke). Also, ich bin dann mal kurz weg ...
... Prosapause ...
... Prosapause ...
... Prosapause, gleich geht es weiter ...
So, hier bin ich wieder. Uff, Tiefgründiges wie "Ich gehör nur mir" liegt mir mehr, als so etwas Beschwingtes wie das Schwipslied. Das ist unter anderem an der Menge an "Nebenprodukten" erkennbar, also Versen, mit denen ich beim Dichten gespielt habe, die aber nicht den Einzug in die endgültige Fassung geschafft haben. Wegen der unregelmäßigen und teils niedrigen Silbenzahl war es auch nicht ganz einfach, nahe am Rhythmus des Originals zu bleiben. Es ging daher nicht schnell, aber inzwischen ist mein Schwipslied für Dich online.
Liebe Johanna, es war prickelnd, Dir während des Schreibens dieser Zeilen nahe zu sein. Ich bin sicher, Du hast durch diesen Brief mehr über mich erfahren, als wenn ich Dir meinen Namen geschrieben hätte. An manchen Stellen war es vielleicht nicht ganz leicht, meinen Gedanken zu folgen, doch selbst falls Du meine Freundschaft zurückweisen solltest, enthält dieser Brief einige Anstöße zu Gedanken, die man sich irgendwann mal machen sollte. Manchmal habe auch ich mich während des Schreibens gefragt, ob ich - gemessen am Stand unserer Beziehung - nicht zu offen bin. Aber wenn ich das Geschriebene nochmal so überfliege, finde ich nichts darin, das im Zusammenhang damit, wer ich wirklich bin, überflüssig wäre oder das ich Dir vorenthalten wollte. Selbstverständlich ist so ein Brief nur ein kleiner Einblick, ein Fenster, ein Guckloch hinein in mein Denken und Fühlen und in das, wer ich wirklich bin. Ich habe Dir diesen Einblick gewährt und werde Dir weitere Einblicke gewähren, wenn Du mich lässt. Was Du mit dem Gesehenen anfängst, ist ganz Deine Sache. Fühle Dich also zu nichts gedrängt. Deine Freiheit ist mir so wichtig, als wäre sie meine Freiheit (und vom hohen Standpunkt - dem unseres Einsseins - aus betrachtet ist sie meine Freiheit). Fühle Dich zumindest nicht weniger frei, als wenn Du diesen Brief nie gelesen hättest. Du hast in Deinem Gedicht geschrieben: "Ich werd auf eine Antwort hoffen". Dieser Brief ist meine Antwort - oder jedenfalls deren Anfang. Auch wenn sie vielleicht etwas anders ausgefallen ist, als Du es Dir vorgestellt hast, weißt Du jetzt mehr von mir, als manche, die mich schon jahrelang zu kennen glauben. Ist Dein Wissensdurst gestillt oder ist er angeregt? (Letzteres entspräche mehr meiner Absicht, aber ich versuche mich freizuhalten von Erwartungen.) Wenn ich Dir ab und zu mit einem Gedicht etwas von dem zurückgeben kann, was Du in die Welt hinausstrahlst, beglückt mich das. Was auch immer einmal daraus werden wird, ich heiße es willkommen. Das Leben ist aufregend und geheimnisvoll. Man könnte es auch anders leben, aber mir gefällt es so. Vielleicht habe ich Dich verwirrt, aber glaub mir, Du verwirrst mich auch - ohne Absicht, einfach dadurch, dass Du so bist, wie Du bist, so sprühend vor Leben, so freiheitsliebend, so kreativ, so vielseitig, so immer-das-Beste-gebend, so unbeschreiblich - so, dass sogar mir die Worte fehlen. In Gedanken ziehe ich Dich eng an mein Herz und flüstere Dir ins Ohr, was Du Maya zugerufen hast:
You've got a friend. Ain't it good to know you've got a friend?!
Mystyqus