24. Februar 2015

Hallo Johanna,

bitte stell Dir doch mal einen romantischen Abendspaziergang am Meeresstrand vor, bei dem im orangefarbenen Schein der Sonne untermalt von der Musik sich sanft kräuselnder Wellen der noch warme Sand durch Deine Zehen rieselt. Eine schöne Vorstellung, stimmt's? Jetzt denk Dir das Spiel der Wellen weg und stattdessen eine bewegungslose, erstarrt wirkende Wasseroberfläche. Würde damit nicht was Entscheidendes fehlen? Ein Meer will schwappen und wogen, rauschen und mischen, atmen und Berge zu Sand zermahlen. Auch das Meer der Gedichte. Erfreulicherweise kann ich das etwas beein-fluss-en, da in meinem Herzen ein Fluss entspringt, der fließen will, und so ein Festtag wie heute kommt da gerade recht. Die Inspiration kommt diesmal von Adalbert von Chamisso, Robert Schumann und einer gewissen Johanna, die einmal Teile des Originals im Stuttgarter Fruchtkasten gesungen hat. Die großen Meister haben ja ganz nett gedichtet - aber ich habe ihnen gegenüber einen riesigen Vorteil: ich kenne Dich. Wäre ihnen das vergönnt gewesen, hätten sie sich bestimmt noch gesteigert. Obwohl es in meiner Version nicht in erster Linie um die Liebe einer Frau geht, kann die Überschrift "Frauenliebe", wenn auch in einem etwas anderen Sinn verstanden, bleiben. Gedicht Nr. 1 könntest Du schon kennen, es steht nur um des Zusammenhangs willen nochmal hier. Das sanfte Spiel der Wellen darfst Du jetzt natürlich gedanklich wieder zuschalten.

Seit ich sie gesehen,
fühl ich sehend mich,
hat mein Gefühl, mein Blick
noch geweitet sich.
Wie der Sonne Glühen
Abendrot erschafft,
beleuchtet sie in mir
alles zauberhaft.

Vieles wirkt jetzt bunter,
mit mehr Sinn verziert,
"Schönheit dieses Lebens"
ist neu definiert.
Ich könnt nur noch dichten,
juble innerlich;
seit ich sie gesehen,
fühl ich sehend mich.

Bevor nach dem Abendrot das Licht der Sonne wieder hervortritt, lass uns noch etwas bei den Sternen verweilen. Dazu gab es hier zwar schon einen eigenen Beitrag, doch wird noch sehr lange nicht alles dazu gesagt sein:

Sie, die mein Herz so sehr aufwühlt,
mal als Mädchen, mal als Frau,
in mir brennt es jedes Mal, wenn
ich in ihre Augen schau.

Ja, ein Stern an ihrem Himmel
bin mit Stolz ich, bin ich gern,
doch frag ich mich: Warum glaubt sie
mich denn nur als hoch und fern?

Habe nicht genug betont ich
"never far away" zu sein?
Nicht zum Echten oft ermutigt,
statt zu Traurigkeit und Schein?

Warum sollt ich Dich nicht kennen,
lieben dürfen, sag mir dies,
und wie herrlich wär ein Stern, der
fügsam sich gebieten ließ?

Was, Geliebte, wenn die Zahl der
Würdigsten nach meiner Wahl
größer eins wär? Segnetest Du
sie dann auch vieltausendmal?

Herzchen, da wird nicht gebrochen!
Willst Du diesen Zeitpunkt nicht
meinen Händen anvertrauen?
Wart, bis meine Liebe bricht!

Beim Lesen der Texte dieser Website hast Du vielleicht bemerkt, dass ich mit Superlativen wie "Liebste", "Schönste" oder "Würdigste" zurückhaltend bin. Gerade Du könntest sie mir vielleicht entlocken, aber ich hoffe, dass Du das nicht brauchst und schreibe schon mal vorsorglich, dass sie aus meiner Sicht mehr über die Enge des Denkens dessen sagen, der sie gebraucht, als über das, worauf sie sich beziehen, besonders wenn es dabei um Personen geht - es sei denn, man verwendet sie in der nicht-ausschließenden Mehrzahlform. Doch wenn mein Verständnis von Würdigkeit auch weiter als allgemein üblich ist, darfst und sollst Du Dir durchaus bewusst sein, dass es nur eine solche Website gibt.

Das Folgende sieht vielleicht nach einem Einschub aus, umschreibt aber eine wesentliche Voraussetzung für meinen Genuss der geheimnisvollen "sie", die ich beim Schreiben dieser Gedichte innerlich vor Augen hatte:

Ich kann's kaum fassen, in allem,
was existiert und sich regt,
ist etwas verborgen, das ist
für die Ewigkeit angelegt.

Ich bin wie das Licht der Sonne
niemandes, aller und Dein,
und weil der "Tod" Illusion ist,
wird's immer und ewig so sein.

Lass uns Alles-was-ist erfahren,
genießen im Überschwang.
Um Deine Schönheit zu feiern
ist "ewig" kaum ausreichend lang.

Das nächste Thema erschien mir zunächst etwas heikel, denn es geht um den Ring an meinem Finger. Doch was daraus geworden ist, beschreibt ganz treffend die Haltung, mit der ich meinen Ring trage. (Dieses Gedicht ist übrigens das bisher einzige dieser Website, von dem vor dem Einstellen schon andere erfahren haben - vor ein paar Tagen hatte ich anlässlich eines Workshops Gelegenheit, es einigen Kollegen vorzulesen, darunter auch einer Gesangspädagogin aus einem Nachbarort, die das Original kannte.)

Du Ring an meinem Finger,
wenn du wahrer Schmuck willst sein
erinnre mich, Freundschaft von aller
Zerbrechlichkeit zu befrein.

Erinnre mich immer, dass Freiheit
die Grundlage ist, und ich nicht
die, die ich liebe, belaste
mit Forderung, Einschränkung, Pflicht.

Du Ring an meinem Finger,
was sagst du aus über mich?
Sind es Einladung, Liebe und Nähe
dann trag ich mit Freuden dich.

Ist es Bereitschaft zu Bindung,
trag ich stolz dich, mein Ringelein,
doch könntest du von wer-ich-bin
auch unwürdiger Ausdruck sein.

Du Ring an meinem Finger,
wenn du wegstößt, wisse, dann schert
es mich nicht, ob du aus Gold bist,
dann hast du für mich keinen Wert!

Jetzt kommt etwas, das sich - wie mir erst nachdem es fertig war bewusst wurde - als Zusammenfassung dieser ganzen Website eignet, insbesondere die zweite Hälfte der vierten Strophe:

Helft mir, ihr Worte,
freundlich mich schmücken,
dient dem Glücklichen heute mir,
fügt euch zusammen
klangvoll, poetisch,
zart sie berührend, würdig ihr.

Entzündet Verlangen
nach tiefer Freundschaft,
lasset es ruhig manchmal lodern in ihr,
doch achtet sorgsam
auf ihre Freiheit,
denn Freiheit ist einer Freundschaft Zier.

Helft mir, ihr Worte,
helft mir verscheuchen
all noch verbliebene Bangigkeit,
die sie zurückhält,
im Meer zu baden,
dessen erfrischendes Wasser ihr seid.

Hielt auch, Johanna,
Dich die Moral umgarnt,
wär auch Dein Denken für Liebe zu klein -
vom Schönsten, was sich
aus Worten machen lässt,
will ich der Dichter für Dich sein.

Wirket, ihr Worte,
lasset sie lachen,
ein Stück vom Himmel stellt für sie dar.
Danke, ihr Worte,
auch ich genieß euch,
freudig wählend aus eurer Schar.

Nachdem den dichterischen Rohstoffen so die gebührende Würdigung zuteil wurde, liefen sie wie geschmiert. Das habe ich genutzt, um ein durch Moral bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Thema nochmal poetisch zu streifen in der Hoffnung, dass auch Du es dann locker nehmen kannst. Aber verstehe es bitte nicht locker im Sinne von treulos. Ich kann zwar nicht garantieren, dass ich dauerhaft alle Bedingungen erfülle, an die andere ihre Gemeinschaft knüpfen, aber der Beitrag, den ich dazu leisten kann, "Freundschaft von aller Zerbrechlichkeit zu befrein", ist dass ich meine Gemeinschaft nicht an Bedingungen knüpfe und nicht fliehe. Dass ich das garantiere, macht für sich alleine zwar noch nicht den perfekten Liebenden aus mir, aber in einer Welt bedingter Beziehungen scheint es mir doch etwas zu sein, che è adatto per dar pregio all'amor mio.

Süße Frau, du blickest
mich verwundert an,
kannst es nicht begreifen,
wie ich's wagen kann,
so für Dich zu schreiben
frei und ungeniert,
als wär in Deinem Alter
ich und nicht liiert.

Oh, Alter schützt vor lieben
wie vor Torheit nicht -
vielmehr bekommt die Liebe
immer mehr Gewicht.
Auch ich schätz Dauer, Treue,
nur seh ich nicht ein,
dass wahre Liebe soll der
Freiheit Ende sein.

Ich weiß, in manchen Kreisen
gilt's als asozial,
nicht exklusiv zu lieben,
absolut egal,
was deine Seele sagt,
welchen Weg sie weist,
wie es dir geht dabei,
ob dein Herz zerreißt.

Lass Dich hier nicht belehren,
leb nach Deiner Wahl,
nur kenne ich zu gut den
Schwindel der Moral.
Ach, Johanna, dafür
bist Du nicht gemacht,
sondern dass Dein Herz
laut vor Freude lacht.

Aus "An meinem Herzen, an meiner Brust" ist etwas geworden, das ich jetzt nicht offenlege. Es gehört Dir, aber wenn Du erfahren willst, was es aus dem Spektrum der Dir möglichen Gefühle hervorrufen kann, musst Du es durch ein Signal der Freundschaft (oder zumindest freundlicher Gesinnung) befreien. Von den Gefühlen in meinem Herzen dürfte an meinem Herzen noch viel zu spüren sein, aber diese sinnesvernebelnde Erfahrung will ich selbst mit Worten nur sparsam als Anreiz für eine Freundschaft einsetzen, sondern ihr die Chance lassen, vor allem Ausdruck bestehender Freundschaft zu sein. Auch wenn ich gerne von "unserer" Freundschaft schreibe, ist mir sehr wohl bewusst, dass meine eigenen Gefühle nichts darüber aussagen, in welchem Maß es schon gelungen ist, die vom braven Mädchen in Dir schwer bewachte Gegenliebe zu befreien. Es gibt Gedanken und Worte, die zu schade dafür sind, schutzlos den Angriffen dieses sich als brav tarnenden Mädchens (= dem Schwindel der Moral) ausgeliefert zu werden und Dir statt zur Freude zu einem Ärgernis zu werden. Das verstehst Du ja bestimmt. Zwar will ich für Dich der Dichter vom Schönsten sein, was sich aus Worten machen lässt, und kann mir auch kaum vorstellen, dass sich Dein Künstlerinnenherz durch solche Gedichte nicht zart anregen lässt oder dass es gar mit dauerhaftem Fliehen vor mir einverstanden ist, aber auch mein Verstand will manchmal von mir wissen: was würdest du, der du für Johannas Schönheit so klangvolle Worte zusammensuchst, schreiben, wie das Besondere hervorheben, falls du erfahren solltest, dass Johanna dir die Freiheit, so zu schreiben, weit weniger als viele andere zugesteht, du die schönsten Worte aber schon für sie verpulvert hast? Was soll ich meinem Verstand darauf antworten? (Keine Sorge - eine andere Instanz in mir hat auf solche Fragen genug Antworten parat, die geeignet sind, den Verstand lustig in Verlegenheit zu bringen.) Lass mich wissen, wenn Du meinst, das brave Mädchen in Dir unter Kontrolle zu haben. Was ich tun kann, ist, neben seiner hemmenden Kraft auch die Neugier als antreibende Kraft in Dir zu aktivieren, indem ich verrate, dass das Original von "An meinem Herzen, an meiner Brust" phantasieanregend genug war, um eine kleine Besonderheit zu erlauben: trotz anderem Inhalt ist das letzte Wort jeder Zeile des Originaltexts erhalten geblieben.

Kommen wir also zu Gedicht Nr. 8 (für das die Schumann-Melodie allerdings etwas zu düster ist):

Nun sind für diesmal wir beim Schluss-Gedicht
Ich hoff, es traf
was bis ins Herz, doch raubt zu viel Dir nicht
vom Restchen Schlaf.

Ich will nur sorgen, dass zur rechten Zeit
das Wasser fließt
und für Dich ist ein warmes Bad bereit,
das Du genießt.

Nach so viel Schreiben bin erfüllt von Dir
ich ganz und gar.
Schenkt, Götter, so besondres Glück auch ihr
im neuen Jahr.

Einer meiner Träume ist, Dich etwas von mir Getextetes singen zu hören. Mit etwas Input von Dir würde sich sicher etwas finden lassen, das wir beide als Ausdruck von wer wir sind empfinden könnten (und vielleicht sogar etwas, das wir anderen schenken könnten). Ich kenne eine Frau, die mal in einem Interview gesagt hat: "Musik verbindet Generationen und Nationen und sagt oft mehr als 1000 Worte." Meine Rohstoffe, die Worte, hören diesen Spruch zwar nicht so gern, aber erstens bleibt ihnen der Trost, dass es ohne sie keine Sprüche gäbe, und zweitens wissen auch sie, dass es noch viel zu verbinden gibt. Adalbert von Chamisso hat in dieser Serie ja noch ein weiteres Gedicht geschrieben, das etwas unbekannter ist, weil sich Schumann da nicht rangewagt hat. Vielleicht hat er es für uns übriggelassen. Wenn Du eine Melodie schreibst "vom Schönsten, was sich aus Tönen machen lässt", dann schreibe ich einen neuen Text - einfach um mal spielerisch auszuprobieren, was dabei herauskommt, und vielleicht auch als weitere Frucht des Fruchtkastens und unserer Freundschaft.

Wie fühlt es sich eigentlich für Dich an, wenn Du mich unter den Zuhörern eines Deiner Konzerte entdeckst? Beängstigend? Fluchtimpulsauslösend? Aufdringlich? Provozierend? Peinlich? Abhängig von der Anwesenheit anderer Personen? Senza speranza? Oder "Shining like the sun. Smiling, having fun. Feeling like a number one"? Letzteres kommt meiner Hoffnung und erfreulicherweise auch meiner Wahrnehmung in der Mössinger Kirche am nächsten (abgesehen von dem tragischen Inhalt, den Du mit einer in Deiner Stimme mitschwingenden Traurigkeit rübergebracht hast, dass man sich mitten ins Geschehen hineinversetzt fühlte), aber falls an den anderen aufgezählten Empfindungen was dran wäre, würde ich es doch gerne wissen. (Die letzten Worte, die ich live von Dir gehört habe, sind übrigens "Dein Jesus ist tot" und wenn "christlich" für Dich nicht nur ein oberflächliches Etikett ist, kann das ja vermutlich auch Deiner Meinung nach nicht lange so im Raum stehen bleiben.) Keine Sorge, dass alles, was Du mir schreibst, auf dieser Website landet - falls Du diesbezüglich eine Präferenz hast, schreib es einfach dazu.

Zum Abschluss eine kleine Zusammenstellung von Zitaten, alle von derselben Person und alle so, dass sie so ähnlich von mir an Dich sein könnten. Errätst Du, wer sie ursprünglich geschrieben hat? Hier sind sie: "Besseres wie die Lieder für Dich habe ich noch nicht gemacht." "Gelingt es, d. h. dass die Sachen gefallen ..., so weiss ich, dass es mir eine grosse Anregung seyn wird." "Ich ... fühle, dass mir manches gelingt und das ... macht mich so innerlich und äusserlich zufrieden und beglückt, wie ich vielleicht nie ... gewesen." "Ich kann wohl nicht leugnen, dass die Freude an der Herausgabe ... auch meine gute Stimmung erhöht". Und - um den Bogen zum spannungsreichen, aber inspirierenden Thema Frauenliebe wieder zu schließen: "Lache mich aus oder nicht, ich habe ... eine Furcht ..., wie ich sie mit 14 ... gehabt habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der Wunsch, euch, die ich liebe, es in meinem ganzen Leben recht zu machen." Wobei zu ergänzen wäre, dass es mir beim "es recht machen" mehr um Einklang mit dem tiefen Kern geht, der Liebe ist, als um Einklang mit dem aufgesetzten Teil, den ich das "brave Mädchen" nenne. Trotzdem schöne Grüße an beide.

Erfüllt von Dir

Andreas

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