April 2013
vieles ändert sich, wenn man einen anderen Standpunkt einnimmt. Dies schlägt sich natürlich auch in den Liedtexten nieder, die aus der Sicht vom jeweiligen Standpunkt hervorgehen. Nachdem Du meine Sicht auf das, was "Tod" genannt wird, bereits ungefähr kennst, hast Du Dir sicher schon gedacht, dass "Am Grabe Anselmos" bei mir anders lauten würde, als bei Matthias Claudius. Hier ein paar Varianten dazu, die ersten vier Zeilen sind bei allen gleich. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, einer so verbreiteten Denkweise in acht Gedichtzeilen etwas grundlegend Anderes entgegen zu stellen, wollte ich mich vom Original nur inhaltlich entfernen. Es interessiert mich, welche Variante Dir am besten gefällt, und vielleicht passt auch, je nach Person und Rahmenbedingungen, die eine oder andere davon mehr:
Variante 1 (nahe am Originaltext):
Dass ich dich gesehen habe,
dass du ewig bist,
ach, dass hier in diesem Grabe
nur ein Körper ist,
macht frei von Schmerz.
Seht, wie lieben wir uns beide,
und aus diesem Grund ist Freude
dauerhaft in meinem Herz.
Variante 2 (noch näher an meiner Einstellung zum Tod)
...
vertreibt das Leid.
Wie sollte meine Freude enden,
wenn sich geliebte Seelen wenden
hin zu höherer Wirklichkeit?
Variante 3 (für den Fall, dass die Trauergesellschaft Ermutigung braucht, dem Schritt der Seele zuzustimmen)
...
erfreut mein Herz.
Seht, "lieben" heißt auch zu verstehn:
will eine Seele weitergehn,
gibt Zustimmung ihr mehr als Schmerz.
Variante 4 ist die romantischste und angelehnt an ein Lied aus der "Zauberflöte". Diese Variante verrate ich jetzt nicht, es muss ja auch noch was Neues für den Moment geben, in welchem wir mal zusammen das "Johanna"-Verzeichnis meiner Festplatte durchstöbern (oder Du mich danach fragst).
Falls Du einmal an meinem Grab stehen wirst, dann bitte fühle nicht, denke nicht, rede nicht, singe nicht davon, dass es ich bin, der in diesem Grab ist, sondern sei Dir bewusst, dass das nur ein (unbrauchbar gewordener) Körper ist. Erinnere Dich daran, was ich Dir hier geschrieben habe, und öffne Dich dafür. Beraube Dich nicht um die Erfahrung, dass ich dann noch bin, indem Du diese Erfahrung als unmöglich oder als Einbildung abtust. Es muss für eine Seele, die sich ihrer selbst viel intensiver bewusst ist, als sie es in ihrem Körper war, auch ziemlich frustrierend sein, viele derjenigen, die ihr nahestanden, aus Überzeugung, dass die "gestorbene" Person jetzt nicht mehr ist, trauern zu sehen (darunter selbst solche, die sich nach dem nennen, der auf einmalige Art und Weise gezeigt hat, dass der Tod kein Ende ist) und resistent zu sein für alle Versuche, ihnen mit den unaufdringlichen Kommunikationsmitteln einer Seele das Gegenteil zu zeigen. Du brauchst damit selbstverständlich nicht bis zu meinem "Tod" warten (ich habe ja erst kürzlich geschrieben: "Ich genieß mein Sein wie nie, es war nie so faszinierend"), sondern kannst Dir das jedes Mal bewusst machen, wenn Du an einem Grab stehst.
Für den Fall, dass Du das für etwas realitätsfern hältst, hier noch eine kleine Modifikation der letzten Strophe von "Imagine" von den Beatles:
You may say I'm a dreamer,
and you were not the only one,
but I know some day you'll see it
and feel that being "dead" means fun.
Das Gesagte soll keinesfalls die Freude am Leben mindern, sondern es soll sie vermehren. Meine Erfahrung ist, dass eine gelassene Einstellung zum Tod ziemlich gut fürs Leben ist.
Bis bald mal wieder, Andreas
P.S.: Im Nachhinein erschien mir dieses "I know you'll" zu besserwisserisch. Daher ist eine weitere Variante entstanden, die mir auch deshalb mehr gefällt, weil sie weniger auf etwas Zukünftiges, sondern mehr auf die Auswirkungen für das Jetzt abhebt:
You may say I'm a dreamer.
If so, let's love and see,
whose love is more enduring,
more blazing, deep and free.